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Das Mädchen, das nie existierte

Von Roman Heflik 

Mitten in Deutschland verhungert ein Kind, vor Not isst es seine eigenen Haare – und niemand bemerkt etwas. Der Fall der kleinen Jessica aus Hamburg hat über die Hansestadt hinaus Entsetzen ausgelöst. Das Drama spielte sich hinter verschlossenen Türen ab, nicht einmal die Nachbarn wussten von der Existenz der Siebenjährigen.

Ein kleines Mädchen zündet vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Jessica gestorben ist, eine Kerze an
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Ein kleines Mädchen zündet vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Jessica gestorben ist, eine Kerze an

„Dreiviertel von Jenfeld sind doch sowieso asozial“, sagt Gerd, der Rentner, und schüttelt den Kopf. Die Behörden seien an dem Unglück schuld. Dann nimmt er noch einen Schluck aus seiner Warsteiner-Flasche. Es ist 14 Uhr. Draußen schneit es, ganz Hamburg versinkt langsam unter einer Schneedecke, aber hier im Café „Power Point“ ist es kuschelig warm. Und günstig: Das Pils kostet 0,99 Cent, genauso wie ein Glas Korn.

Die billigen Preise wussten auch Burkhard M. und Marlies S. zu schätzen. Regelmäßig schaute das Paar in seiner Pinte gegenüber dem Jenfelder Einkaufszentrum vorbei, manchmal auch mehrmals am Tag – wenn sie nicht gerade in ihrer anderen Stammkneipe an einem anderen Einkaufszentrum in Hamburgs Osten herumgehangen hätten, sagt Gerd. Im „Power Point“ habe Marlies dann wie üblich ein Bier und Burkhard seinen Korn bestellt. Auch wenn sie nicht besonders gepflegt ausgesehen hätten, ruhige Leute seien die beiden doch gewesen, „ganz normal und unauffällig eben“, sagt Gerd. Während Marlies und Burkhard im „Power Point“ saßen, verhungerte keine 500 Meter Luftlinie entfernt ihre Tochter, eingesperrt in der gemeinsamen Wohnung.

Als die kleine Jessica am Morgen des 1. März starb, war sie erst sieben Jahre alt. Sie war bereits tot, als der Notarzt sie untersuchte. Jessica war an Erbrochenem erstickt, das sie ausgewürgt hatte, weil ihr Magen und ihr Darm nach wochenlangem Hunger nicht mehr funktionierten. Als die Bestatter den kleinen Körper abholten, hatten sie nicht mehr viel zu tragen: Das Kind wog nur noch 9,5 Kilo, ihre Haut spannte sich über Gelenke und Knochen, der Bauch war vor Hunger bereits aufgebläht. In ihrer Not hatte das Mädchen sogar seine eigenen Haare gegessen.

Wie in einem Verlies hatte Jessica offenbar in ihrem Kinderzimmer dahinvegetieren müssen: Nach Angaben der Polizei hatten die Eltern das Fenster fest verschraubt und die Scheiben mit Folie verklebt, so dass kein Tageslicht in den Raum dringen konnte. Polizisten berichteten, die ganze Wohnung sei verdreckt und verwahrlost gewesen.

Jessicas Wohnhaus in Jenfeld: "Es ist, als hätte sie nie existiert"
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Jessicas Wohnhaus in Jenfeld: „Es ist, als hätte sie nie existiert“

Er habe, versichert Gerd, noch nicht mal gewusst, dass bei der Marlies ein Kind lebte. Über Privates habe man nicht geredet. Doch, widerspricht Sven, der Bauarbeiter mit dem Schnauzbart und den nackenlangen Haaren, er habe von dem Mädchen gewusst. Er drückt seine Zigarette aus und nimmt einen Schluck aus seiner Holsten-Flasche. „Aber mir hat sie erzählt, sie hätte eine Tagesmutter.“ Und: „Warum hätte ich das nicht glauben sollen?“ Sven schöpfte auch keinen Verdacht, als Marlies bei seinem Vorschlag abwinkte, doch mal die Kleine ins „Power Point“ mitzubringen. Wie lange sie Marlies und Burkhard schon kennen, daran kann sich niemand in der Runde erinnern. Sie seien ja so unauffällig gewesen, wiederholt ein Mann mit rotem Pullover und bunt tatöwierten Unterarmen.

Brieger Weg 2, ein grau-blauer Plattenbau mit sieben Stockwerken. Die Wohnung der Familie liegt ganz oben. Vor dem Hauseingang kämpfen fünf Kerzen und ein kleiner Strauß Stiefmütterchen gegen den Winterwind. Ein ZDF-Team steht davor und filmt die Szene. Die Haustür steht offen. In dem engen Aufzug stinkt es nach Urin, die Metallwände sind verkratzt und mit Sprüchen beschmiert. Zur Wohnung von Marlies S. geht es durch eine Tür aus dem gemeinsamen Hausflur wieder hinaus ins Freie. Am Ende des halboffenen Ganges liegt die Tür, hinter der Jessica qualvoll starb. Ein Siegel der Polizei klebt am Türrahmen, auf dem Boden liegt ein dünner Gummihandschuh, wie ihn die Spurensicherung der Kriminalpolizei verwendet: Das Apartment ist zum Tatort geworden, die Mordkommission hat die Ermittlungen aufgenommen. Gegen Marlies S. und ihren Freund wird inzwischen wegen Totschlags durch Unterlassung ermittelt. Zwischen fünf und 15 Jahre Haft stehen darauf.

„Penner“, antwortet der junge Mann mit den kurzen Haaren aus dem sechsten Stock. Penner seien die beiden Nachbarn da oben im siebten Stock gewesen. Wenn das Paar ausgegangen sei, hätten der Mann und seine Freundin ihre Bierflasche schon in der Hand gehalten. Von einem Kind habe er weder etwas gewusst noch gesehen oder gehört. Wie lange das Paar schon da oben lebt? „Zwei Jahre, hat meine Frau gesagt.“ Die Nachbarstochter der türkischen Familie im siebten Stock ist sich nicht sicher: „Länger als wir jedenfalls“, sagt sie, und ihre Familie lebe schon seit vier bis fünf Jahren zwei Türen weiter. „Aber ein Kind haben wir nie gesehen.“ Es ist, als hätte Jessica hier nie existiert.

Bestatter transportieren den Sarg der Siebenjährigen weg: "Ein Kind haben wir nie gesehen"
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Bestatter transportieren den Sarg der Siebenjährigen weg: „Ein Kind haben wir nie gesehen“

Diesen Eindruck hatte wohl auch der Mitarbeiter der Schulbehörde, der im vergangenen Jahr bei Marlies S. und Burkhard G. klingelte. Jessicas Eltern hatten ihr Kind nicht zum Unterricht angemeldet, das sollten sie nachholen. Dreimal erschien der Mitarbeiter im Brieger Weg, dreimal hinterließ er Briefe, nie öffnete ihm jemand, nie beantwortete jemand die Post. Er schöpfte keinen Verdacht. Der Mann habe bei den Nachbarn geklingelt und sich nach Jessica erkundigt, sagt Thomas John, Sprecher der Hamburger Behörde für Bildung und Sport. Doch die Mitbewohner des Hochhauses hätten von keinem Kind gewusst. „Es gab überhaupt keine Anzeichen darauf, dass sich das Kind in einer Notsituation befunden hat“, beteuert der Sprecher.

Von anderen Behörden wie dem Jugendamt habe es ebenfalls keine Hinweise auf eine Misshandlung gegeben. Wie auch, Jessica war ja von ihrer Außenwelt komplett abgeschottet worden. „Es ist, als hätte das Kind überhaupt nicht existiert.“ Also leitete die Schulbehörde lediglich ein Bußgeldverfahren wegen des Versäumens der Schulpflicht ein. Zwei Mahnungen folgten. Zu einer dritten, nach der eine Zwangsvollstreckung möglich gewesen wäre, bei der also die Polizei bei Marlies S. aufgetaucht wäre, kam es nicht mehr. Jessica starb, bevor überhaupt jemand ihre Existenz wahrnahm. Ein Verschulden auf Seiten seiner Behörde kann John nicht erkennen. Man werde aber sicherlich „alle behördlichen Abläufe einer kritischen Prüfung unterziehen“ müssen.

Auch das zuständige Jugendamt kann keine Fehler auf seiner Seite erkennen. „Das Jugendamt Wandsbek kennt die Familie nicht“, stellt Jugend- und Sozialdezernent Volker de Fries fest. Marlies S. und ihr Lebenspartner seien nie auffällig geworden – und genau das ist Jessica anscheinend zum Verhängnis geworden. Normalerweise könne sein Amt in solchen Situationen einschreiten und helfen – sobald es Hinweise aus der Familie oder der Nachbarschaft erhalte.

So spricht erst jetzt jeder über Jessica. Jetzt, wo sie tot i